Als vor 30 Jahren die Bagger kommen, machen sie Halt vor Alt-Marzahn.
Heute wirkt das Dorf wie ein Fremdkörper zwischen den Hochhäusern.
Wir waren dort, wo zwei Welten aufeinander prallen.

Das Dorf

Als die Platten kamen

Drei Generationen erinnern sich

Als Kind fährt Klaus Winkelmann mit dem Fahrrad einfach drauflos – er wächst im Dorf auf, um ihn herum gibt es nur Felder und Wiesen. Seine Mutter Brigitte arbeitet in der Landwirtschaft, zu Hause halten sie Hühner und Schweine. Zwanzig Jahre später: Auch Klaus Winkelmanns Sohn Ron wird in der ländlichen Idylle Alt-Marzahns groß. Doch um ihn herum wächst die Großstadt: In seinem Geburtsjahr 1983 sind die Wiesen verschwunden, das Neubaugebiet Marzahn ist jetzt die größte Baustelle Berlins.


“Old-Marzahn had a farm, I-A-I-A-O”

Ein Besuch auf dem Tierhof Alt-Marzahn

Wenn das Dorf die Oase Marzahns ist, ist der Tierhof die Oase des Dorfs – vor allem für Kinder. 365 Tage im Jahr können sie hier Ziegen bestaunen, Hähne streicheln und lernen dabei beschauliches Dorfleben abseits der Hochhäuser kennen. 

Mühle in Marzahn

Die Pferdekoppel vor der Marzahner Mühle.

„Wie macht das Schaf?“, fragt Lauras Oma. Laura ziert sich und spielt mit dem Spielzeugschaf in ihrer Hand. Dann strahlt sie und plärrt ein „Mäh“ heraus. Laura soll heute etwas über Tiere lernen. Sie und ihre Oma stehen an einem der Gehege des Tierhofs Alt-Marzahn. Zwei Lämmer liegen vor dem Schuppen in der Sonne.

Der Tierhof ist kein Streichelzoo, sagt Hofleiterin Grit Otto. Er soll vor allem Kindern zeigen, wie das Leben auf dem Land aussieht. Zum Hof gehören deshalb neben mehreren Gehegen und Wiesen für die Tiere auch ein Getreidelehrgarten und ein Park mit alten Pflügen und Dreschmaschinen. Grit Otto: „Wir machen hier Bildung für Stadtkinder. Woher sollen sie sonst wissen, wo ihr Schnitzel herkommt?“

Tierführerschein für Geckos

Neben den Tieren, von denen die Schnitzel kommen, leben auf dem Hof Gänse, Schafe, Ziegen und Ponys. Zu den Stars gehört das Vorzeigetier Johann – ein kleiner Hahn mit kurzen Flügeln, der sich bereitwillig von Kindern streicheln lässt. Wenn hier im Winter Märchenstunde ist, spielt er auf dem Rücken des Hofesels seinen Part als Bremer Stadtmusikant.

Neben den klassischen Hoftieren hält der Tierhof aber auch Exoten: Geckos, Degus, sogar eine Vogelspinne. Als Haustiere werden die immer beliebter. Beim ‘Tierführerschein‘ können die Kinder deshalb lernen, wie man die Tiere richtig hält und pflegt.

Mit den Exoten zählt der Tierhof Alt-Marzahn mehr als 150 Tiere. Damit alle versorgt sind, arbeiten hier knapp 50 Leute, kümmern sich um die Tiere und halten die Gehege in Schuss. Die meisten von ihnen hat das Jobcenter vermittelt. Stundenlohn: 1,50 Euro.

Mitarbeiter Tierhof Marzahn

Steffen Adaszewski hat auf dem Tierhof seinen Traumberuf gefunden. Dieses Jahr möchte er eine Ausbildung zum Tierpfleger beginnen.

Auch Steffen Adaszewski hat vor drei Jahren auf dem Hof als 1,50-Euro-Jobber angefangen. Heute ist er hier Vorarbeiter und die rechte Hand der Hofleiterin. Er sagt, dass er auf dem Tierhof endlich seinen Traumberuf gefunden hat. Dafür nimmt er die Arbeit schon mal mit nach Hause: Fipsi, das Teichhuhn, hat er vergangenen Sommer in seiner Wohnung aufgezogen.

Adaszewski nimmt dafür aber auch in Kauf, keine feste Anstellung zu haben. Seit einem Jahr arbeitet er 40 Stunden in der Woche auf dem Hof – 12 Stunden über einen Minijob, die restliche Zeit im Ehrenamt. Jetzt hofft er, nach einer Ausbildung auf dem Hof als Tierpfleger Fuß zu fassen. Wegen eines Bandscheibenvorfalls stand der Plan zeitweise auf der Kippe. Sein Hausarzt hat ihm jetzt das OK gegeben, das Jobcenter muss die Ausbildung zum Tierpfleger noch genehmigen.

Fuchs du hast die Gans …

Laura hat heute gelernt, dass Schafe „Mäh“ machen. Ihre Oma freut sich, dass sie ihrer Enkelin dafür die echten Tiere zeigen konnte. So wie Laura und ihre Oma, besuchen 50.000 Menschen den Hof im Jahr. Inzwischen kommen Schulklassen aus fast ganz Berlin, manche Stammgäste aus Marzahn kommen täglich. Dass der Hof mit seinem Bildungsangebot noch nicht alle erreicht, hat sich jedoch vor wenigen Wochen gezeigt: Ein junger Mann hatte eine Gans aus ihrem Gehege gestohlen und versucht, sie vor einem Supermarkt als lebende Ente zu verkaufen. Der Gans geht es nach ihrem unfreiwilligen Ausflug inzwischen wieder gut – und der Dieb hat dank des Tierhofs gelernt, dass er ein Gänsedieb ist.

Berlin 12685: Morgenroutine auf dem Tierhof from ELECTRONIC MEDIA SCHOOL on Vimeo.

 

Letzte Hoffnung: Alt-Marzahn

Wie ein kleines Dorf die sozialen Probleme der umliegenden Platten auffängt

Soziale Einrichtungen gibt es überall, doch selten so viele auf einmal wie in Alt-Marzahn. In dem Angerdorf drängen sich Suchtberatungsstellen, Tagesstätten und betreute Wohneinrichtungen. Das Dorf fängt die Probleme des ganzen Stadtbezirks auf. Kann das gut gehen?

Wuhletal Alt-Marzahn

Das psychosoziale Zentrum Wuhletal in Alt-Marzahn

Karim, 21, blauer Iro, ist ein Plattenkind. Er wächst im Berliner Westen auf, heute lebt er in Marzahn – aber nicht mehr in der Platte, sondern im Dorf, in einer betreuten Wohneinrichtung. Er sucht nach Unterstützung, um von seiner Sucht loszukommen. In Alt-Marzahn findet er sie.

Im Dorf gibt es sieben soziale Einrichtungen. Sie heißen „Lebensnähe“, „Lebensmut“ und „Wuhletal“. Meist ist ein Träger gleich mit mehreren Einrichtungen vertreten. Sie helfen mit Beratung und Therapie, unterstützen in schwierigen Lebenslagen, machen Hausbesuche, vermitteln Plätze im betreuten Wohnen. Sie sind Anlaufstelle für Menschen aus den um das Dorf herum liegenden Plattenbausiedlungen und prägen das Leben im Ort. Nicht allen gefällt das. Im Dorf gibt es die Sorge, dass Alt-Marzahn zum sozialen Auffangbecken verkommt.

Karims Sucht beginnt im Jugendalter. Seine Einstiegsdroge ist ein C64. Später kommen Gameboy, Playstation und Nintendo DS hinzu. Dann taucht er ein in die Welt der MMORPGs: Online-Rollenspiele wie „World of Warcraft“, bei denen mehrere tausend Spieler gleichzeitig gegeneinander antreten. 12 Stunden und mehr hängt Karim täglich vor dem Rechner. Beim Gameboy konnte er die Pause-Taste drücken, bei den Echtzeitspielen im Internet schafft er es nicht mal mehr zum Essen. Alles, was zählt, ist das Spiel. Mit 14 kommt er zum ersten Mal in die Klinik, macht einen Entzug, wird rückfällig, und alles beginnt von vorn. Fünf Jahre geht das so, dann schafft er den Absprung. Heute lebt Karim ohne Spiele.

Berlin 12685: Karim über seine Computerspielsucht from ELECTRONIC MEDIA SCHOOL on Vimeo.

Die Arbeit in der Tagesstätte für suchtkranke Menschen hilft Karim. Seine Kollegen sind Alkoholiker in der Mitte ihres Lebens. Die Männer arbeiten vor allem im Garten oder drechseln in der Holzwerkstatt; die Frauen kochen Marmelade ein, stricken Schals oder basteln Designerlampen. Sie alle haben keine Arbeit, und doch etwas zu tun. Täglich von 9 bis 15 Uhr. So viel sie wollen und so viel sie können. Der geregelte Tagesablauf und die Gemeinschaft schützen sie vor Rückfällen. Wer beide Hände voll zu tun hat, hat keine Zeit zu trinken.

Peter Herzberg, 52, kennt die Gefahr. Früher trank er selbst, heute leitet er den Trödelmarkt der Tagesstätte. Ob Porzellan, Schallplatten, Festnetztelefone oder Werkzeug, Peter sortiert alles ins Lager ein und verkauft es wieder. Die Preise sind günstig, Kunden kommen gern und das Geld geht an die Tagesstätte. Peter liebt seine Arbeit. Sonst würde er sie nicht machen, sagt er. Früher, als er noch trank, war ihm alles egal. „Ob du dich zu Tode säufst, ob du vom Balkon fällst, es spielt keine Rolle.“

Rückblick, das Jahr 2006: Peter bleibt tagelang zu Hause, steht nicht auf, geht nicht raus. Antwortet nicht, wenn das Telefon oder die Tür klingelt. In den Briefkasten schaut er selten. Kommt Post, verbuddelt er sie irgendwo. Aus den Augen, aus dem Sinn. Einkaufen geht er früh um sieben oder abends kurz vor Ladenschluss. Er will niemanden treffen, nicht auf die Frage antworten, wie es ihm geht. Denn es geht ihm scheiße.

Berlin 12685: Wuhletal: Peter über seine schwere Zeit from ELECTRONIC MEDIA SCHOOL on Vimeo.

Karim will dahin, wo Peter jetzt schon ist. Eine Ausbildung machen, einen Job finden, im Leben stehen. Dabei hilft ihm die Tagesstätte. Karim fährt jetzt Kleintransporte, packt bei Wohnungsauflösungen mit an. Die Fundstücke bringt er zu Peter.

Marzahn ist ein sozialer Brennpunkt. Doch Alt-Marzahn, das Dorf im Schatten der Platten, ist anders: Eine kleine überschaubare Welt, die Ruhe ausstrahlt. Menschen, die tief gefallen sind, finden hier Kraft zur Veränderung. Inmitten der Platten wäre das schwieriger. Das Dorf bietet ihnen ein anderes Milieu, eine positive Grundstimmung. Und auch wenn einige die Nase rümpfen: Die sozialen Träger waren es, die die alten Scheunen und die baufälligen, denkmalgeschützten Häuser instand gesetzt haben. Ohne sie wäre das Dorf heute vielleicht ausgestorben.

Die Platte

Wettrennen in den 21. Stock

Die Platte. Die Zahlen. Die Fakten.

Was kostet eine Wohnung im Plattenbau? Wie viel Müll werfen die Bewohner pro Woche in den Müllschlucker? Und wie lange braucht Spucke von ganz oben bis nach ganz unten?
Das haben unsere Redakteurinnen in zwei der Platten herausgefunden. Plattenfacts – hier entlang!

„Es wird immer anonymer“

Plattenbewohner erzählen ihre Geschichte

Grau und trist, aber immerhin ist die Miete günstig: So lautet das Klischee über das Wohnen im Marzahner Neubau. Aber was denken die Menschen, die hier leben? Wir haben drei von ihnen getroffen.

 

1. Brigitte Paatzsch

Sechs Jahre warten, 300 Stunden selbst auf dem Bau mit anpacken und natürlich Miete zahlen: Anfang der Achtziger ist der Preis hoch für eine der neuen Wohnungen in Marzahn. Brigitte Paatzsch gehört zu den Glücklichen, die 1982 einen Platz im sozialistischen Musterbezirk bekommen.

Berlin 12685: Brigitte Paatzsch über 32 Jahre Wohnen in Marzahn from ELECTRONIC MEDIA SCHOOL on Vimeo.

2. Marco Leuthäuser

„Wir können uns nicht vernünftig artikulieren in Marzahn und heißen Chantalle, Justin, Jason“. Marco Leuthäuser kann die Vorurteile nicht mehr hören. Seitdem er zwei Jahre alt ist, wohnt er hier und für ihn ist die Gegend eine Oase. Als Feuerwehrmann kennt er in Marzahn jede Ecke.

Berlin 12685: Marco Leuthäuser über seine Oase Alt-Marzahn from ELECTRONIC MEDIA SCHOOL on Vimeo.

3. Antonia Bäthge

Antonia Bäthge ist 34 und zog der Liebe wegen in die Platte. Mit dem Freund ist inzwischen Schluss, aber die Platte ist geblieben. Jetzt hält sie hier mehr als nur ein Bauchgefühl.

Berlin 12685: Antonia Bäthge über den Umzug nach Marzahn from ELECTRONIC MEDIA SCHOOL on Vimeo.

So sieht die Platte aus

Im grauen Klotz vor dem grünen Dorf leben Menschen aus aller Welt

21 Stockwerke, mehr als 300 Wohnungen – in der Platte 200-202 an der Allee der Kosmonauten leben so viele Menschen, wie in ein ganzes Dorf passen. Für viele Berliner ist es undenkbar, an so einen Ort zu ziehen. Die Plattenbewohner selbst kämpfen gegen die Vorurteile.

„Ich bin überrascht, wie sehr Marzahn von diesen Klischees abweicht“, sagt die 28-jährige Panagiota Giannakidou. Sie lebt seit zwei Jahren in einem 21-stöckigen Hochhaus in der Allee der Kosmonauten. Jogginghose, triste Platte, Cindys und Kevins sind für Panagiota nicht alles, was es hier gibt.

Panagiota Giannakidou

Panagiota, 28, sieht mehr in ihrem Block als Cindys mit Jogginghosen

Panagiota ist Griechin, hat in München Japanologie studiert und schaut seit 2012 von der Platte aufs idyllische Dorf Alt-Marzahn. Mit ihrem Block verbindet Panagiota Kontraste und Vielfalt. „In meinem Hochhaus leben Menschen aus vielen unterschiedlichen Ländern“, sagt sie. Wer durch die Platte streift, sieht eine Frau mit Kopftuch und zwei kleinen Kindern. Eine Frau mit wirrem Haar und einigen Zahnlücken. Ein altes Paar, das sich unterhakt. Eine große, blonde Frau mittleren Alters und gepflegtem Äußeren.

304 Wohnungen gibt es in dem Hochhaus Allee der Kosmonauten 200-202. Einige wohnen allein, andere leben mit sechs Kindern auf engem Raum, sagt einer der Hausmeister.
Die Wände sind aus Beton und die Dächer flach. Die Allee der Kosmonauten 202 ist mit 65 Metern höher als die meisten umliegenden Hochhäuser. Hausnummer 202 ist ein standardisiertes Hochhaus, wie es viele in Marzahn gibt. Die DDR-Typenbauten mit Namen wie WHH GT 18/21, immergleiche Häuser, sind Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger gebaut worden. Dafür wurden in Berlin baufällige Häuser abgerissen, an vielen Orten entstanden neue. Das SED-Politbüro wollte die Wohnungsnot beseitigen.

Ein weiteres Klischee: In den hohen Platten um Alt-Marzahn wohnen nur noch alte Menschen. Wer kann, zieht weg. Doch in Wirklichkeit ziehen heute viele in die Platten. 2012 waren es mehr als 15.000 Menschen, die neu dazukamen. Kein Wunder: Die Mieten liegen in Marzahn 12685 im Schnitt bei rund sechs Euro pro Quadratmeter und sind damit für Berliner Verhältnisse sehr niedrig: In Berlin-Mitte kostet der Quadratmeter das Doppelte und in Neukölln immerhin fast neun Euro.

Auch Panagiota schätzt die günstige Miete. Sie ist freischaffende Künstlerin und fotografiert gegen die Vorurteile in der Platte an: Bilder von bemalten Transformatoren und Skulpturen sammelt sie in einem Buch, um die schönen Seiten ihres Blocks zu zeigen. Ihre Platte ist grau. Die Hochhäuser in ihrer Bildersammlung sind bunt.

 

Grün und Grau

Das Netz

Was Platte und Dorf verbindet

Sie sind ein ungleiches Paar, das historische Dorf und der einst moderne Neubau. Getrennt durch sechsspurige Straßen – und doch sind sie in den vergangenen 35 Jahren zusammengewachsen. Durch Kinder aus dem Neubau, die im Dorf in die Kita gehen. Durch Menschen, die im Dorf arbeiten, aber in der Platte wohnen. Durch Produkte, die in Alt-Marzahn für internationale Auftraggeber entstehen. Ein unsichtbares Netzwerk spannt sich durch das Dorf und verknüpft es mit der Platte, mit Berlin, mit der Welt.

 

 

Patrick Löser beklebt einen LKW der Berliner Stadtreinigung. In wenigen Minuten wird das Auto orange-weiß-kariert vom Hof des Unternehmens „Pat & Patachon“ in Alt-Marzahn fahren. Die junge Werbeagentur hat ihren Sitz seit acht Jahren in der ehemaligen Schmiede des Dorfes und beschäftigt noch 27 andere Mitarbeiter. Damit ist die Firma einer der zwei großen Arbeitgeber in Alt-Marzahn. Der andere ist die Fleischerei Genz, die berlinweit einen Partyservice betreibt und Kunden aus dem Umland anzieht.

Im Dorf gibt es nur noch wenige Traditionsbetriebe, die seit mehreren Generationen in Alt-Marzahn ansässig sind – wie der Textilladen von Martina Brix. Ihre Großmutter eröffnete das Geschäft in den Fünfzigern. Die Enkelin steht heute allein im Laden. Sie beschäftigt nur zwei Aushilfen, denn das Geschäft innerhalb des Dorfs rentiert sich kaum noch. Ähnlich geht es dem Gold- und Silberschmied Andreas Ott. Auch er hat wenig Kundschaft – und ein weiteres Problem: In ein paar Jahren geht er in Rente, aber ein Nachfolger ist nicht in Sicht.

Sonst bieten soziale Vereine im Dorf Arbeitsplätze, zum Beispiel das Kulturgut. Dort arbeiten 50 Menschen, drei sind festangestellt. Der Großteil sind Ein-Euro-Fünfzig-Jobber, die sich wieder an regelmäßige Arbeit gewöhnen sollen. Andere Langzeitarbeitslose sind im Bezirksmuseum, auf dem Tierhof und im Infopoint im Einsatz. So teilt sich das Dorf in selbständige Betriebe und soziale Vereine. Die ersten sind nicht immer gut auf die zweiten zu sprechen.

Sterben die Alt-Marzahner aus?

Alt-Marzahn teilt sich noch auf einer anderen Ebene: Die meisten kommen zum Arbeiten, nur wenige leben im Dorf. Zu ihnen gehören Pfarrer Ingolf Göbel, der Müller Jürgen Wolf und Marion Winkelmann, die Leiterin des Kulturguts. Aber die verbliebenen Dorfbewohner werden immer älter, einige der denkmalgeschützten Häuser stehen schon leer. Es wird stiller im Dorf, sagen die Leute. Alt-Marzahn scheint sich zu einer pittoresken Kulisse zu entwickeln, nur noch belebt von Touristen und den Bewohnern der umliegenden Plattenbauten.

Auch die jungen Tierärzte Gesina Krebber und Danny Grube beleben das Dorf: Vor zwei Jahren sind sie in ein leerstehendes Fachwerkhaus hinter der Mühle gezogen. Ausschlaggebend war die Lage im Grünen. Die Tiere sind hier entspannter, sagt Gesina Krebber, wegen der ländlichen Atmosphäre. Die Tierärzte schaffen es, über das Dorf hinaus Kunden anzuziehen – genau wie Pat & Patachon. Die Werbeagentur erarbeitet von Alt-Marzahn aus sogar für internationale Firmen Kampagnen. Das Gros der Kunden kommt aber aus Berlin und Brandenburg, wie die BSR: Der orange-weiß-karierte LKW, den Patrick Löser beklebt hat, rollt ab jetzt durch die Hauptstadt.

 

„Wir werden nie Brooklyn“

Wer in zehn Jahren in Dorf und Platte wohnt

Latte Macchiato in der Marzahner Mühle? Galerien in der Allee der Kosmonauten? Von wegen, sagt Bauhistoriker Oleg Peters im Interview. Hipster werden wohl nicht kommen – dafür aber andere.

20140529Beb PetersOleg Peters ist Bauhistoriker. Er ist nahe Alt-Marzahn in Biesdorf geboren, aufgewachsen und zu Hause. Für das Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf hat Peters eine Standortkampagne konzipiert, die den Menschen das Wohnen und Arbeiten in Marzahn näher bringen soll. Im Mai war seine Ausstellung in Berlin-Mitte zu sehen.

Marzahn wird das neue Kreuzberg, schreiben einige Berliner Zeitungen. Stimmt das?

Peters: Nein, wir werden nicht das neue Kreuzberg. Wir werden weltweit auch nie so bekannt wie Brooklyn, New York. Uns reicht schon, wenn die Berliner in zehn Jahren bei Marzahn nicht mehr an Weltreise denken, sondern: Wir sind vom Alex in 20 Minuten im Naturgebiet Wuhletal. Die Internationale Gartenausstellung 2017 in Marzahn wird uns dabei helfen. Wir rechnen mit zwei bis drei Millionen Besuchern. Die Ausstellung ist in der Nähe des Dorfs, deswegen wird auch die Gastronomie in Alt-Marzahn davon profitieren. Einen Marzahn-Hype mit Hipstern wird es aber nicht geben.

Herr Werdermann, Sie sind Vermieter der Platten am Dorf. Wenn die Hipster nicht kommen, wer kommt dann?

Werdermann: Der Trend geht eher in Richtung Familien mit Kindern. Man merkt es an der Zahl der Kitaplätze und daran, dass größere Wohnungen nachgefragt werden. Dieser Trend wird anhalten, weil Familien durch die Mietpreise aus der Innenstadt verdrängt werden. Marzahn ist da eine gute Lösung. Auch viele alte Menschen werden kommen. In Zukunft werden unsere Wohnungen deshalb barrierefrei und altersgerecht umgebaut: Wir verbessern unsere Fahrstühle, entfernen Schwellen in den Wohnungen und versetzen Steckdosen in Reichweite. Wir sorgen auch dafür, dass mehr nebeneinander liegende Wohnungen verbunden sind. Denn oft ist es heutzutage so, wie es vor hundert Jahren schon üblich war: Ältere und jüngere Generationen wollen zusammenwohnen.

Herr Peters, welche Rolle spielt das 750 Jahre alte Dorf für die Platten?

Peters: Es ist kein Zufall, dass die Hochhäuser, die unmittelbar am Dorf stehen, voll ausgelastet sind. Zwischen Dorf und Hochhaussiedlungen gibt es ganz klar Synergieeffekte.

Jens WerdermannJens Werdermann von der Wohnungsgenossenschaft Friedenshort ist Vermieter der Wohnanlage „Am alten Dorfkern“. Sie umfasst über tausend Wohnungen im Umfeld des Dorfs, unter anderem in der Allee der Kosmonauten.

Werdermann: Und das war auch in schlechten Zeiten so, als wir insgesamt viel Leerstand hatten. Die Bewohner nutzen das Dorf am Wochenende mit. Im Gegensatz zur Großbausiedlung gibt es hier etwa die Chance, ins Restaurant zu gehen. Architektonisch ist es ein positiver Spannungsbogen. Alt-Marzahn ist mit seiner Geschichte eine Attraktion des Bezirks. Die Bewohner mögen beides, aber sie mögen das Dorf doch am meisten.

Werden sich die Menschen in Dorf und Platte in den nächsten zehn Jahren annähern?

Peters: Ich denke, ja. Das Dorf wird für die Plattenbewohner weiter eine große Rolle spielen. Keiner würde gern auf das Dorf mit seinem Traditionsfleischer und -bäcker verzichten. Die Fleischtheken in den großen Einkaufszentren sind damit nicht vergleichbar. Auch traditionelle Feste wie das Erntefest werden hier am Leben erhalten. Das ist in den Hochhäusern einfach nicht möglich. Die Infrastruktur im Dorf hingegen ist ideal dafür: In Alt-Marzahn gibt es einen großen Vorplatz, den die Hochhausbewohner auf der Marzahner Promenade zu Fuß erreichen können.

Wir haben das Dorf besucht und gemerkt – viele Bewohner der Platte stützen sich täglich auf das Angebot von sozialen Einrichtungen und Läden im Dorf. Bei uns entsteht der Eindruck: Die Platte braucht das Dorf.

Werdermann: So kann man es formulieren. Aber das Dorf braucht auch die Platte. Es ist ein Kulturdenkmal, das durch die Anwohner aus den Hochhäusern jeden Tag mit Leben gefüllt wird. Für die Hochhausbewohner ist es deshalb immens wichtig, dass der Denkmalschutz des Dorfs erhalten bleibt.

Die Wohnanlage „Am alten Dorfkern“
3758 Menschen leben in der Genossenschaftsanlage “Am alten Dorfkern”. Gebaut wurden die 1250 Wohnungen in den Jahren 1978 bis 1980. Im Bezirk Marzahn-Hellersdorf gehören der Wohnungsgenossenschaft Friedenshort 5.000 Wohnungen.
Leerstand in Marzahn
In den vergangenen zehn Jahren standen bis zu 15 Prozent der Wohnungen in Marzahn leer. Seit 2000 wurden deswegen 3.500 Wohnungen abgerissen, viele Hochhäuser wurden zurückgebaut. Die Wohnanlage „Am alten Dorfkern“ von Friedenshort ist nach eigenen Angaben zu 100 Prozent vermietet. Zum Vergleich: In ganz Marzahn ist der Leerstand der Wohnungen von Friedenshort in den vergangenen Jahren von sieben auf zwei Prozent gesunken.

 

Schlafstadt und Schmuckkästchen

Wo sehen sich die Bewohner 2024?

Bleibt alles beim Alten, oder wird sich der Kiez wandeln? Die Menschen aus Dorf und Platte in und um Alt-Marzahn stellen sich vor, wie ihre Zukunft aussehen könnte.

 

Strich drunter

Was wir aus Alt-Marzahn mitnehmen

Zwei Wochen lang haben wir uns mit Dorf und Platte beschäftigt. Zwei Wochen lang haben wir uns gefragt: Was trennt die beiden, was verbindet sie? Am Schluss steht für uns dieses Fazit.

Berlin 12685: Zwei ungleiche Freunde from ELECTRONIC MEDIA SCHOOL on Vimeo.

Über uns

Wir sind der neunte Volontärsjahrgang der ems – ELECTRONIC MEDIA SCHOOL in Potsdam-Babelsberg. Seit April 2014 lernen wir an der ems, multimedial zu denken und zu arbeiten: Wir vernetzen Radio, Fernsehen und Online.

Berlin 12685 ist das Abschlussprojekt unserer Online-Ausbildung – eine hyperlokale Webseite aus Berlin-Marzahn.

Die Redaktion:

Chef vom Dienst: Jonas Schützeberg
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Multimedia-Redaktion: Romy Sickmüller
Text-Redaktion: Stephanie Teistler
Weitere Autoren: Martin Adam, Tom Garus, Raphael Jung, Philipp Katzer, Dena Kelishadi, Vanessa Klüber, Annika Klügel, Anne Kohlick, Mareile Scheidemann, Fabian Stratmann

Trainer: Dominik Rzepka
Digital Creative: Malcolm Bunge

Quellen:

Musik im Trailer: raptly –Sentine (CC-BY-Lizenz)
Archivbilder: Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf, Bundesarchiv, Forschungszentrum Baugeschichte Berlin
Andere Fotos: Ole Bader

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